Zukunftspläne, Zukunftsbilder …

Wenn wir die Transformation einer katastrophal nicht-nachhaltigen in eine überdauerungsfähige Gesellschaft nicht dem Zufall überlassen wollen, benötigen wir sowohl Visionen als auch konkrete Maßnahmen und Entwicklungspfade. 

Unsere gesellschaftlichen Diskussionen über der Zukunft sind jedoch aus einer ganzen Reihe von Gründen ungenügend. Meine bisherigen Einsichten zu den wichtigsten Gründen:

1. Verwechselung von Vorhersage und Planung.

Viele Menschen lehnen Diskussionen über zukünftige Chancen und Risiken vehement ab: So etwas sei überhaupt nicht möglich. Dies ist leider eine unreflektierte Verwechselung von Vorhersagen einerseits und Planungsgrundlagen andererseits. Niemand kann die Zukunft vorhersagen und nichts wird genauso kommen wie erwartet. Aber wenn wir eine Brücke über eine breiten Fluss bauen wollen, müssen wir uns sowohl die Brücke vorstellen, als auch den Bau bestmöglich planen. Die gleichen Menschen, die sich gegen eine verantwortungsvolle Zukunftsplanung wehren und diese als unmöglich bezeichnen, machen sich meist  umfangreiche Gedanken über ihre Alterssicherung. Obwohl doch alles anders kommen kann, eine Hyperinflation, ein Krieg oder ein Wirtschaftszusammenbruch.

Es geht gar nicht darum, die Zukunft vorzusagen. Wir müssen aber Pläne schmieden, darüber diskutieren, eine Einigung erzielen und mit der Umsetzung beginnen.

2. Das Tagesgeschäfts beschränkt unser Denken. 

Meiner Erfahrung nach haben viele engagierte Menschen innerhalb der Nachhaltigkeits- und Klimabewegung einerseits klare Vorstellungen von den nächsten möglichen Schritten. Andererseits haben sie häufig keine ausreichend klaren Vorstellungen über wirklich nötige, wirksame Lösungspläne in einer komplexen Welt. Das ist kein Vorwurf, sondern bedeutet nur: Es ist auch für hochengagierte Menschen schwer, sich neben dem – absolut notwendigen – politischen Tagesgeschäft der Möglichkeiten gleichzeitig um Handlungsnotwendigkeiten zu kümmern.

Wir brauchen aber beides. Erst aus dem Vergleich von Fortschritten im Tagesgeschäft und Handlungsnotwendigkeiten ergibt sich aber die Antwort darauf, ob man auf einem Lösungsweg ist. Wenn ich bei einer Bergwanderung nur auf den Gipfel schau und davon träume, zum Gipfel hinauf fliegen zu können, werde ich ihn nicht erreichen. Da ist es sicher besser, wenn ich nur auf die Zehen schaue und tatsächlich meine Füße zentimeterweise vorwärts schiebe. Nur – ein Erfolg ist auch hier eher ungewiss. Ich kann weder meine Richtung korrigieren, noch einschätzen ob die Geschwindigkeit stimmt. Erst wenn ich den Gipfel im Blick behalte, die Strecke dorthin plane, und mich dann mit der notwendigen Geschwindigkeit auf den Weg mache, habe eine gute Chance den Gipfel zu erklimmen.

3. Unzureichende Beiträge von Wissenschaftler*innen.

Wissenschaftler*innen können die Gegenwart mit wissenschaftlich beschreiben (… und mit der Stellungnahme von Scientists for Future haben wir beigetragen, einige dieser wissenschaftlichen Einsichten bekannter zu machen).

Aussagen über die Zukunft hingegen genügen oft nicht den gleichen wissenschaftlichen Maßstäben. Obwohl viele Wissenschaftler*innen die Erkenntnis haben, dass wir einen viel fundamentaleren und schnelleren Wandel einleiten müssen, scheuen sie sich, ihre Zukunftsvisionen in die gesellschaftliche Diskussion einzubringen. 

Ähnliches gilt teilweise für die Kommunikation von Risiken. Auch hier besteht bei vielen Wissenschaftler*innen Unsicherheit bezüglich der wissenschaftlicher Absicherung von Zusammenhängen, Prognosen, Studien. Zudem haben viele – auch ich selbst – eine Abneigung dagegen, Ängste zu schüren ohne gleichzeitig ausreichend konkret für Lösungsmöglichkeiten werben zu können. Ich habe mit sehr vielen Kollegen gesprochen, die zugeben, dass ihre private Einschätzungen der Zukunftsrisiken sehr viel pessimistischer sind, als sie dies öffentlich äußern.

Zusammen führt dies jedoch meines Erachtens zu einem zu geringen Beitrag von Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation bei der Bewältigung der Nachhaltigkeitskrise.

Wissenschaftlich informierte Vorstellungen gesellschaftlicher Chancen und Risiken sind dringend nötig.

Ohne wissenschaftlich gut informierte Zukunftsbilder, welche auf guten Analysen gesellschaftlicher Chancen und Risiken beruhen, welche wünschenswerte Lebensentwürfe mit rechnerisch in 30-50 Jahren potentiell erreichbaren Lösungen verbinden, herrscht so etwas wie ein „Optionsvakuum“, welches von unrealistischen, unwissenschaftlichen und häufig geradezu quacksalberhaften Vorschlägen gefüllt wird.

 

All dies hat Konsequenzen. Hier einmal bildlich:
© Gregor Hagedorn & Catherine Eckenbach 2019, CC BY-SA 4.0

Die tatsächlichen Herausforderungen sind riesig, die sowohl wissenschaftlich als auch demokratisch informierten Visionen sind ebenso wie die Maßnahmen unzulänglich. (© Gregor Hagedorn & Catherine Eckenbach 2019, CC BY-SA 4.0)

© Gregor Hagedorn & Catherine Eckenbach 2019, CC BY-SA 4.0

In dieser deprimierenden Lage versuchen wir einen Ausgleich durch psychologische Scheinlösungen zu erreichen. Wir lassen große Teile der Herausforderungen unter den Tisch fallen und erfüllen das Bedürfnis nach Handlung weitgehend durch bekannt völlig unzureichende symbolische Maßnahmen, die Handeln simulieren. Alles andere wäre unerträglich. (© Gregor Hagedorn & Catherine Eckenbach 2019, CC BY-SA 4.0)

© Gregor Hagedorn & Catherine Eckenbach 2019, CC BY-SA 4.0
Wenn wir uns den Herausforderungen stellen, ihnen mit angemessenen Lösungsplänen und Vorstellungen der Zukunft begegnen, erkennen wir, welche Maßnahmen auch zu einem Erfolg führen. Erst jetzt können wir um politische Unterstützung für ausreichend grundlegende und konsequente Maßnahmen werben. (© Gregor Hagedorn & Catherine Eckenbach 2019, CC BY-SA 4.0)

 

Schlussfolgerung: Um wirksame Lösungen und Maßnahmen in einer angemessenen Schrittweite und Konsequenz zu ermöglichen benötigen wir eine ehrliche gesellschaftliche Diskussion sowohl über Herausforderungen als auch gewünschte und global erreichbare, nachhaltigen Gesellschaftsentwürfe.

Scientists for Future sollte meines Erachtens in einer breiten Allianz wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Akteure daran arbeiten. 

Es gilt, Zukunftsrisiken weder beschönigt noch übertrieben darzustellen, gleichzeitig an der Entwicklung positiver Zukunftsbilder mitzuwirken. Da für einen Erfolg die Geschwindigkeit wichtig ist, sollten auch passende Maßnahmenvorschläge (als Möglichkeiten, nicht als Forderungen) gesammelt werden.
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PS: Hier einige eigene Reflektionen. Ich bin dankbar für weitere Hinweise und Kritik in den Kommentaren!

  1. Die Bewertung von “wünschenswert” kann überwiegend nicht durch S4F erfolgen. Vorschläge und Kommentare hierzu sind jedoch auch aus den Wissenschaften möglich.
  2. Wissenschaftlich kann es sich hier nur eine Mehrzahl von Zukunftsbildern handeln.  Auch von vielen S4Flern nicht bevorzugte Pfade (Kernenergie, Hoffnung auf Fusionsenergie, Geoengineering) sollten als Optionen diskutiert werden.
  3. Insbesondere sollte auch der aktuelle, nicht-nachhaltige Pfad mit seinen Konsequenzen als eine Option beschrieben werden. Indem wir seit Jahrzehnten uns nicht auf wirksame Alternativen einigen können wählen wir de-fakto diese Option. Nicht-Handeln ist eine Entscheidung mit Konsequenzen.

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